Denk, Löwe, mal nicht so viel
Eine Gruppe progressiver Studenten hatte zur Demo aufgerufen. Ihnen war der Löwe nichts als ein "grosser Fuchs" und das Söldnerwesen ein unehrliches Handwerk, das sie abgeschafft haben wollten. Doch wer war man, dass ein paar querulierende Chaoten einen einschüchtern könnten? Für das Petrefakt waren immerhin tausend neue Louisdor oder dreissigtausend Franken aufgewendet worden. Die Nebenkosten lagen noch darüber. Die Orgel im Hof brauste. Der Franzose Cherubini hatte eine Seelenmesse geschrieben, und abwechselnd scholl es flammend von Kanzel und Empore. Der Kronprinz von Dänemark, der gekommen war, das Werk seines Untertanen einweihen zu helfen, zeigte sich beeindruckt. Schläfrig geworden war er eigentlich nur durch das unaufhörliche Wiederholen ein und derselben Litanei verdienter Namen.
Unter grossem Applaus erschien am Nachmittag Karl Pfyffer über der Felswand im Wey, in die das Kunstwerk gehauen war, und entfernte ein triefendes Tuch vom Gestein. Als Christian Frederik von Dänemark sah, wie dabei eine weisse Taube aufflatterte und sich dem Löwen auf die Mähne setzte, war er versucht, es als glückliches Vorzeichen zu nehmen.
Nach dem Enthüllungsakt begaben Durchlaucht und Hochwohlgeboren sich einmütig und hungrig zum Bankett. Auch hier liessen es sich die Festredner nicht nehmen, erbarmungslos ein Blatt ums andere aus ihren Fräcken zu ziehen. Vermutlich dauerte das Gelage bis zum Morgen fort.
Während die Noblesse tafelte, kamen aus Küssnacht die Lyzeumsschüler zurück, wo sie sich zu Protestaktionen getroffen hatten. Die Metzgergesellen mit dem Auftrag, ihnen bei der Ankunft tüchtig einzuheizen, liessen die durchnässten Aktivisten denn auch drei- und vierfach wissen, wo Gott wohnt und Bartel den Most holt. Diese Fleischhauer, nach dem sie am Morgen auftragsgemäss das Brät und die Milken für die Chügalipasteten, die Schweinemägen und als deren Farce die Kalbsnierchen, sowie die in einer Beize aus bestem französischen Château Corbleu dunkel verfärbten Rindslaffenstücke herbei geschleppt haben mochten, durften abends im Namen der altneuen Regierung und ihrer Gäste ungehindert, auch spät noch, jeden aus dem Bett holen, der ihnen entwischt war. Namentliche dem widersetzlichen Professor Troxler waren Prügel angedroht, doch bildeten sich ohne sein Wissen Kohorten von Jugendlichen und schützten ihn. Das Gejohle auf der Gasse dauerte die halbe Nacht, und es schien unvermeidlich in dem engen Nest, dass es sich, faute de mieux, von fern zu jenem im Festsaal gesellte.
Die Verwandte des weidwunden Königs der Tiere bricht erneut durch die Wolken
Der Teich glitzert, Licht sprenkelt die Gesichter. Hintergrund und Vordergrund sind im Einklang. Die Gruppe ordnet nochmals die Antlitze, lässt Zähne schimmern, ist bereit. Ein solcher Tag mag es gewesen sein, da auch Lou Salomé mit dem geliebten Freund den denkwürdigen Löwen besuchte, Hier, im Zwielicht der Bäume, am stillen Teich, unter dem Gurren der Tauben hat sie ihm so schwer ihr dabei war, ihre "Abneigung gegen alle Ehe überhaupt klargelegt. Friedrich Nietzsche, tief bestürzt, muss danach diesen Ort zeitlebens als besonders düstern Garten des Schmerzes erinnert haben.