In der Fremde


 

Dieser Sommer hat mir deutlich gezeigt: wo dein Sprachraum endet, bist du eine Fremde.  Ich kann auf einmal keine Aufschriften und Hinweise mehr verstehen, die Strassennamen, kaum gelesen, entfallen mir gleich wieder. Ich bin bloss etwa zehn Stunden von zu Hause entfernt - in Jugoslawien - und kann niemanden mehr um Auskunft bitten, weil niemand mich verstehen würde. Entlang der kroatischen Küste finde ich zum Glück zahllose Aushängeschilder für freie Zimmer, die mit einem Bett, einem Elektrostecker , eventuell einer kleinen Brause, und immer einem Richtungspfeil versehen sind. Wenigstens diese Symbole des Alltäglichen kann ich begreifen, obwohl sie noch nicht Sprache sind.

Nicht einmal Zeitungen sind noch lesbar. Ich stosse auf Buchstaben, die ich im Leben noch nie gesehen und hier gar nicht abbilden kann, da die Setzerin sie auf ihrer Tastatur nicht fände. Und auch wenn ich sie nachzeichnen oder an anderem Ort wieder erkennen könnte, ich wüsste sie nicht auszusprechen.

Die Sprachbarriere grenzt mich mehr aus als alle Zollbeamten und ihre Schranken. Ich bin isoliert und selbst die Ernährung ist erschwert. Ich nehme zunächst Hände und Füsse zu Hilfe, zeichne ich mit der grossen Zeh die unaussprechliche Zahl auf den Boden, die halbe Wassermelone, den halben Brotlaib forme ich mit den Händen in die Luft, und was die Marktfrau dabei klärend ergänzt, heisst, so merk ich später, "pola", halb. Irgend wann treten bei fast allen, die reisen, unbeholfene Versuche auf, sich im fremden Land etwas klarer verständlich zu machen.

   

 

 

Auch ich erstehe nach längerem Suchen ein kleines serbokroatisch-deutsches Wörterbuch. Darin lese ich bei jeder Gelegenheit. Ich finde Sätze, wie: "Das Meer ist ein wenig bewegt. More je malo uzburkano". Die Lust an den ungewohnten Lauten wächst, je mehr ich da und dort ein Wort wieder erkenne. Ich glaube, schon ein bisschen weniger fremd zu sein. Was auch bedeutet, dass ich auf der Durchfahrt in einer Dorfkneipe erstmals in der fremden Sprache nach Zucker frage. Es ist dunkel in der Kneipe und ich spüre, wie sie anfangen, mich zu mustern. Obwohl ich es in ihrer Sprache versuche, wissen alle sofort: Ausländerin. Es gibt verschiedene Arten, auf eine Ausländerin zu reagieren. Ich weiss es, und es erfasst mich erneut die Befangenheit vor der Übermacht der Eingesessenen, die hier zu Hause sind und alles kennen. Ohne Sprache bist du ausgeliefert. Was helfen da schon zwei, drei Wörter! Sie mustern mich und reden unter sich, ohne dass ich ein Wort verstehe.  Der Wirt aber nimmt sich Zeit und löffelt etwas Zucker in ein Schälchen. Wortlos schiebt er es herüber. Ich fange an, dieses Land zu lieben. Nach fünf Minuten bin ich wieder draussen an der Sonne, und der Kaffee ist herrlich.

Früh am Morgen vor der Heimfahrt schwimme ich letztmals in der Bucht. Zwei Frauen rufen mir zu: "Dobar voda!" Und ich antworte mit: "Da!" (Schönes Wasser! Ja!) Es ist beinah, als gehörte ich zu ihnen.

Wie schön, denke ich beim Heimkommen, als ich beim Verkehrshaus über dem Zubringer zur Stadt das Spruchband mit "Welcome" und "Bienvenue"  wieder hängen sehe. Nur schade, dass bloss die Feriengäste gemeint sind und nicht auch die Arbeiter, die es dort anbringen mussten und womöglich gar nicht verstanden .

 

 

 

 

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