Stadt am Meer

 

Nie weisst du, was dich 

demnächst bezaubert

nie weißt du, was dich

demnächst bedroht

ob du zum Bleiben

ob du zum Umkehren gekommen

ob du fremd bist oder von hier

es ist ohne Belang.

 

Die Stadt kannte bessere Tage

stolz greift sie aus

das Meer zu umarmen

kein Gramm Speck hat sie zuviel

ihre Ärmel trägt sie hochgekrempelt

ihr süsses Brot, ihr Pandolce

ist hart und kaum dekorativ

ihr Basilikum verströmt Düfte

die sind für die Küche und nicht

fürs Boudoir gedacht.

 

Beladen mit Tauen und Kisten

begleitet von den Gerüchen  nach

Seeteufel und fernen Blüten

nach Hundedreck

nach heiligem Weihrauch

nach Liebe und Blut

gezeichnet von den Launen der See

fahren die Fischerboote herein.

 

Das Meer gibt vor, eine Bettdecke zu sein

die die Stadt sich ans Kinn zieht.

Festungen gleich liegen Fähren vor Anker

stechen abends in See

als Lichterbäume getarnt

draussen aber die Frachter

sehen aus wie gekippte Paläste

 

Über den Dächern der Werft

schreiben Kräne Worte ohne Tinte

neigen sich beharrlich einander zu

als erklärten sie die Liebe

im Wind klimpert ihnen das Tauwerk der Boote

ein vom Heimweh verordnetes Lied

 

Am Dom singt San Lorenzo: Gütiger Vater, Erbarmen

da bersten die Wolken

und das alte Meer mit seinen Tatzen

bittet die Stadt

dieses Seeweib zum Tango

 

 

*

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestalten

 

Erinnerung an H.H.

Milliarden von Wörtern
erbeutet wie Schmetterling
wie seltene Steine
gesammelt und ausgesetzt
gewogen und verworfen
auf der Aschenbahn eines Lebens
wo das Aufeinandertreffen
grosser Einfälle und das Anschlagen
der rund fünfzig Tasten
ihre Verabredung trafen
und am schwarzen Schreibgerät
geschrieben wurde, was
die Sommer hergaben
und die Winter
zurück holten

bis zum letzten Klopfen an der Tür

das ohne Antwort blieb

 

.

*

 

 

Haiku

 

Erde du Ort der Fragen

von Klugscheisserchen ins Weltall

die Winde gerufen

nüchtern drehen wir im Nichts

 

*

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Mütze

 

Jedes deiner Worte hab ich gezählt

deine Sätze hab ich einzeln

in mein Kissen gestickt

die Umarmungen im Kalender

mit einem Herz verzeichnet

im Januar waren es acht

im Februar zwölf

im März bist du nicht gekommen

deine e-mails hingegen sind

gespeichert im Ordner mit

deinem Namen

sende sie mir morgens und abends

mit einem Mausklick neu.

 

Im Zug sitzt du mir gegenüber

ein Paar Lippen die lächeln

wie die deinen

ein schmaler Nacken wie der deine

auf der Bank finde ich

das Blau, das verlorene Blau

als wär diese Mütze

die deine.

 

 

 

*

 

 

 

Haiku

 

Ich sage nichts und zornig

fällt mein Schweigen in die Wälder

als wär es ein Hund

 

*

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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